Hier gibt es ein paar kleine Passagen aus dem Buch. Viel Vergnügen!
An diesem Morgen war der Kriminalhauptkommissar schon sehr früh wach geworden. Der Besuch hatte Ludwig sehr berührt und aufgewühlt. Er wusste daher gerade gar nicht, wohin mit seinen Gefühlen. Er hätte gleichzeitig heulen, vor Freude tanzen und jemanden wütend zusammenbrüllen können. Oder apathisch in seinem Sessel sitzen.
Nachdem er im Bad bemerkt hatte, dass er sich gerade zum zweiten Mal an diesem Morgen die Zähne putzte, beschloss er, lieber früher als sonst üblich ins Büro zu gehen, denn hier zuhause würde er in diesem Zustand sowieso nichts auf die Reihe kriegen und nur durchdrehen. Er nahm in Gedanken den Autoschlüssel vom Schlüsselbrett, überlegte kurz und hängte ihn wieder hin. Nein, heute kein Auto. Da würde er nur jemandem hinten drauf fahren oder Schlimmeres. Ohnehin fuhr Ludwig mittlerweile ungern und entsprechend selten mit dem Auto. Er wusste gar nicht mehr, warum er den Tag zuvor nicht auch die Bahn genommen hatte und warum er überhaupt eben nach dem Schlüssel gegriffen hatte. Selbst sonntags fuhren die U-Bahnen auf dieser Strecke in recht kurzen Abständen, die Wartezeit war also kein Problem. Dann fiel es ihm wieder ein: Gestern war die Strecke wegen Gleisbauarbeiten nur mit Schienenersatzverkehr befahren worden, darum hatte er den Wagen genommen. So war das.
Er ging zur Haltestelle Lindenbaum und stellte sich zu den wartenden Menschen. Die Anzeige auf dem Display zeigte an, dass in drei Minuten eine Bahn der Linie U1 zum Südbahnhof kommen sollte. Gleichzeitig las er unter der Anzeige den durchlaufenden Text: „Wegen einer Betriebsstörung kommt es bei den Linien U1, U2, U3 und U8 zu Verzögerungen. Wir bitten um ihr Verständnis.“ Na, Prost Mahlzeit. Der Kriminalhauptkommissar knirschte mit den Zähnen, denn das bedeutete in der Regel, dass man die angegeben Zeiten auf der Anzeige getrost in die Tonne treten konnte und dass die kommende Bahn vermutlich voll war wie eine Linie 20 bei einem Heimspiel der Eintracht. Nein, eher noch voller.
Die Bahn kam zwar wider Erwarten genau zur angekündigten Uhrzeit, aber sie war in der Tat sehr voll. Ludwig quetschte sich hinein und fühlte sich ausgesprochen unwohl. Es war stickig, die Leute standen auf Tuchfühlung beieinander und der ein oder andere hatte schon länger keine Dusche mehr genossen – oder war entgegen dazu in ein puffsüßes Parfümfass gefallen. Irgendein Menschenwesen hier drinnen hatte sich wohl auch reichlich Kokos-Shampoo in die Haare geschmiert, und nicht weit entfernt kaute jemand Pfefferminzkaugummies. Jetzt fehlte eigentlich nur noch ein furzender, nasser Zottelhund. Das alles war jeweils auf seine ganz eigene Art und Weise widerwärtig. Zum Glück waren es nur vier Stationen, aber Ludwig musste an der Hügelstraße, der Fritz-Tarnow-Straße und am Dornbusch jeweils aussteigen, um die herausströmenden Leute und Schulkinder vorbeizulassen. Er schaute nochmal auf die Uhr: 7:50 Uhr – keine gute Zeit, um mit der Bahn zu fahren, das würde er sich merken.
Als er die Unterführung an der Haltestelle Adickesallee verließ, eilte er gleich mit seinen großen Schritten in Richtung des Haupteingangs des Präsidiums. Plötzlich hörte er einen gepressten Schrei und etwas zischte genau an seiner Nase vorbei. Jetzt platzte ihm der Kragen: „Ey, Du wildgewordener, gemeingefährlicher Fahrradrowdy, wohl verrückt geworden, Himmel, Arsch und Zwirn! Das hier ist ein Gehweg!“ Einige Passanten und zum Präsidium eilende Kollegen sahen ihn an. Dass Ludwig, ohne zu schauen, direkt auf den Radweg gelaufen und der Radfahrer ihm gerade in einem wilden Stunt ausgewichen war, um nicht mitten in ihn reinzufahren, das nahm der Kommissar nicht wahr – und es hätte ihn in diesem Moment sowieso nicht interessiert.
Bernd Ludwig und seine Kollegin Lisa Reincke saßen im Dienstauto und fuhren die lange Gutleutstraße entlang auf dem Weg zurück ins Polizeipräsidium in der Adickesallee. Hansen war mit trübem Gesicht in eines der Polizeiautos eingestiegen und jetzt auf dem Weg ins Präsidium. Der KHK saß grüblerisch auf dem Beifahrersitz und blätterte in dem kleinen Ordner, den Hansen ihnen schließlich mitgegeben hatte – die Mitarbeiterliste und die Dienstpläne. Plötzlich blickte er auf und rief ihr zu:
„Ach, Lisa, biegen Sie doch mal schnell hier links in die Heidelberger ein, wir machen noch einen kleinen Abstecher zum Schönplatz.“ „So? Wieso das denn?“ Ludwig setzte den Anflug eines Grinsens auf. „Ich habe noch nichts Gescheites gegessen, und jetzt weder Zeit für die Kantine noch Lust auf Automaten-Erdnüsse. Am Kiosk backen uns – mit etwas Glück und einem charmanten Lächeln – Maria oder Ahmed ein paar frische Brötchen auf, dazu einen Kaffee. Und wer weiß: Vielleicht erfahren wir auch noch ein wenig Buschfunk. Der Schönplatz ist ja, wie Sie sehen, nicht weit weg von der Dreschflegelstraße und eine gute Anlaufstelle für Informationen hier im Gutleut – besser als jeder Friseur. Kann jedenfalls nichts schaden.“ „Okaaaaay. Das ‚charmante Lächeln‘ übernehmen Sie, richtig?“, erwiderte seine Kollegin mit einem ironischen Zug um die Mundwinkel. Ludwig legte den Kopf schräg zurück und schaute sie streng-schelmisch an. „Trauen Sie mir das etwa nicht zu?“ „Och, öh, doch, doch, sicher, sicher, ja, klar!“ Für einen Moment schwieg sie und tat übertrieben so, als müsste sie sich auf den nicht vorhandenen Verkehr konzentrieren. „Hier: Wir sind da und haben auch noch Glück: Da ist sogar eine kleine Parklücke.“ Und wieder hatte Reincke „Mambo“ im Ohr, nachdem es nach der Befragung von Hansen und dem Keller für eine Weile zugunsten von „Lullaby“ verschwunden war. Mist, immer diese Ohrwürmer.
Sie stiegen aus und gingen zum Kiosk. Dort standen ein paar Männer und musterten die Neuankömmlinge beiläufig. Ludwig nickte kurz grüßend in deren Richtung und sprach sogleich die Dame hinter dem Tresen an – in einem Tonfall, den Reincke so gar nicht von ihrem Chef kannte. Er konnte ja tatsächlich charmant sein, Donnerwetter! „Einen wunderschönen guten Tag, liebe Maria. Du hast doch sicher zwei Kaffee und ein paar aufgebackene Brötchen für uns, hmm? Meinen Kaffee wie immer schwarz, den für meine Kollegin bitte mit Milch und einem Stück Zucker.“ Die Dame am Tresen murmelte etwas, das Reincke nicht verstehen konnte, und verschwand im hinteren Bereich des Kiosks. Da bemerkte Ludwig, dass einer der herumstehenden Männer ihn merkwürdig anstarrte. Es war ein Mann um die sechzig mit grauen, schütteren Haaren, die zu einem dünnen Pferdeschwanz gebunden waren, gekleidet mit allerhand indianisch aussehendem Schmuck. Auf seinem T-Shirt war ein riesiger Wolf abgebildet. Ludwig schaute ihn schräg an und hob eine Augenbraue. „Ist irgendwas?“
Der Mann blickte ihn weiter von unten skeptisch an, dann begann er in breitestem Frankfurterisch: „Isch kenn Sie! Weesche Ihne durft isch ema sitze, wisse Se dess?“ Ludwig setzte ein interessiert-überraschtes Gesicht auf. „So! Nun, das kann schon sein. Was haben Sie denn verbrochen?“ Überrascht riss der Mann die Augen auf, dann schüttelte er den Kopf und lachte. „Nee, doch net so. Neulich, in de U-Bahn. Wisse Se des net mehr? Die war knackevoll, und Sie habbe mir ihr‘n Sitzplatz aagebote. Des war sehr nett. Wisse Se, hier ...“ Er hob seinen ebenfalls indianisch geschmückten Stock. „... mei‘ Füüs. Arthrose.“ „Oh, ach so. Na, aber gerne doch.“
Der Mann schaute Ludwig weiter konzentriert an, als hätte er noch mehr auf dem Herzen. Nach einer Weile überwand er sich und fragte den Kommissar: „Aber – wann Se saache, dass es sei‘ kann, dass Sie jemand eigebucht habbe: Sin‘ Sie am End von de Polizei?“ Ludwig seufzte. „Ja, so ist es. Ich dachte, das wäre hier bekannt.“ Maria griente hinter ihrem Tresen. „Wieso fragen Sie?“ Er druckste noch etwas herum, bevor er fortfuhr. „Weil – jaaaa, wie soll ich‘s saache? Weil – mer habbe en Vermisste. De Fred.“ „Fred?“ „Ja, de Fred. Er kimmt eifach net. Sonst is‘ er immer zuverlässisch, pünktlisch uff die Minuut, un‘ heut – da kam er eifach net. Dadebei hadde mer en Uftritt, da drübbe. War die Generaalprob fer’s Westhaafefest nächst’ Woch.“ Mer sin‘ ‚Die Drei Schönen vom Platz‘ un mache Mussigg, also de Fred, de Patrick ...“ Er zeigte mit dem Daumen auf einen schlacksigen Mann mit Baseball-Cappie hinter sich. „... un‘ isch, de Wolf.“ „Und weiter?“ „Naja, mer habbe e halb Stund gewart, un‘ dann habbe mer halt aagefange. Isch hab‘ e paar Lieder gesunge, ...“ „Und ich hab‘ getrommelt, uff de Kajong, un‘ dann ...“ , mischte sich Patrick ein. „Jetzt unnerbresch misch doch net, Kerle! Ja, de Patrick hat getrommelt un dann noch e paar Otto-Sketche vorgetraache. War gut, war witzisch. Die Leut habbe gelacht. Abber dann musste mer uffhörn. De Fred spielt eischendlisch die Giddarr, aber: Kein Fred. Un‘ so ohne ihn, da fehlt halt was. Da sin‘ mer ja nur ‚Die Zwaa Schöne vom Platz‘. Könne Sie uns helfe?“
Ludwig machte ein väterlich-nachdenkliches Gesicht. „Naja, guter Mann, das ist eigentlich nicht meine Abteilung. Aber fahren Sie fort, man ist ja schließlich Freund und Helfer.“ Die Bemerkung wurde von zwei der Umstehenden mit einem dreckigen Lachen quittiert. Ludwig überhörte das geflissentlich und schaute den Mann mit Namen Wolf weiter an. „Haben Sie diesen Fred denn mal angerufen? Er hat doch sicher ein Handy.“ „Öh, naja, wisse Se, mei Guthabbe ... Es is‘ aber schon aaner von hier zu ihm hie geradelt, um zu gugge, was da los is‘. Des is‘ net so weit, vielleischt so zwaa Kilomeeder, mehr net. Der müsst eischentlich jeden Moment widder da sei‘.“
Wie auf‘s Stichwort kam in diesem Moment ein Mann mit Blaumann eilig auf dem Fahrrad angefahren. Er schwang sich sportlich von seinem Drahtesel und begann sofort atemlos zu reden. „Menschenskind, warum geht eigentlich keiner von euch Nachtkappen ans Telefon? Ich war bei Fred. Er war nicht da. Aber dafür stand seine Tür einen Spalt offen. Ich schaue also rein – und da liegt einer. Ohnmächtig, mit dicker Beule am Kopf. Ganz offensichtlich ist er niedergeschlagen worden.“
Jetzt war Ludwig ganz Ohr. Im Hinterkopf leitete er schon eine Fahndung nach diesem Fred ein. Doch Wolf ergriff sofort hektisch das Wort: „Wie, niedergeschlaache? Meinste, die hadde Streit und de Fred hat ihm eins übbergezooche? Un‘ is‘ desdeweesche getürmt? Abber wie will der den eischentlisch getroffe habbe, der sieht doch nix. Dess würd‘ außerdem so gar net zu ihm passe. Wer war dann der Kerl, der da laach? Haste den gekannt?“ „Ja, den kannte ich, und ihr kennt ihn auch. Das war dieser lange Lulatsch mit der Glatze, der öfters mit Fred zusammen auftritt. Dieser Krimischreiber.“ Ludwig rümpfte die Nase. Wolf und Patrick waren jetzt ganz aufgeregt. „De Matthias! Ach, Du Scheiße. Un’?“ „Ist jetzt im Krankenhaus. Ich habe natürlich gleich den Notarzt und die Polizei angerufen. Aber bis jetzt noch nix gehört. Aber apropos anrufen: Warum gehst Du nicht an Dein verfluchtes Telefon? Immer nur diese elende Mailbox.“ „Ei, vielleicht haste Dich verwählt? Hier hat nix geklingelt.“
Wolf angelte sein Handy aus einer ledernen, kleinen Tasche. Er schaute leicht betröppelt auf das Display. „Oh. So‘n Scheiß! Saft is‘ weg. Scheiße! Ey, Ahmed, kann ich mei Handy mal bei Dir an de Strom hänge? Is‘ wischdisch!!“ Nachdem das Handy am Kabel hing, checkte Wolf gleich seine Mailbox. Elf entgangene Anrufe während der letzten drei Stunden. Acht waren von Fred, drei von dem Mann im Blaumann. Wolfs Gesichtsausdruck veränderte sich beim Hören von peinlich berührt über verärgert bis hin zu tief schockiert. Er wollte gerade anfangen mitzuteilen, was auf der Mailbox war, als hinter ihm ein leises Klappern und eine Stimme zu hören waren.
„Kerle, Wolf, warum gehst Du eigentlich nicht ans Telefon?“ „Fred! Ei, wo kimmst‘n Du jetzt her?“ Fred wirkte erschöpft und klappte erstmal seinen Blindenstock zusammen, bevor er mit einem tiefen Seufzer berichtete. „Mann. Mann, Mann, ich wähl‘ mir hier die Finger wund, und nix. Wir haben einen Auftritt, und der eine hat kein Handy und der andere geht nicht dran. Super! Auch Harry hab‘ ich nicht erreicht, aber der hat ja als Veranstalter vom Westhafenfest im Moment eh‘ zuviel um die Ohr‘n. Also, ich mach‘s kurz: Das war heute echt ein Scheißtag. Dass der Bus ab und zu nicht fährt, vor allem am Wochenende, ist ja leider bekannt. Zwei kamen gar nicht erst. Aber der dritte hat dann unterwegs einen Unfall gebaut, ist in ein Auto gekracht. Der Fahrer hat uns aber nicht aussteigen lassen, weil es nicht an einer Station war. Darf er wohl laut Vorschrift nicht. Also saß ich da fest, bis die Polizei und dann ein Ersatzbus kamen. Tut mir sehr leid. Der Auftritt ist sicher ins Wasser gefallen, oder?“ „Naja, so halb. Is‘ abber jetzt erst emal net so wischdisch. Viel wischdischer is‘: Was is‘ dann dess mit dem Matthias? Wieso lie‘t der ohnmächtisch in Deiner Buud?“ „Er tut WAS?“
Wolf, Patrick und der Blaumannträger berichteten jetzt wild durcheinander erzählend, was vorgefallen war. Ludwig hörte angespannt zu und ließ dabei zischend die Luft durch seine Zähne entweichen, ließ die drei aber weiter reden. Schließlich ergriff Fred wieder das Wort. „Wisst ihr was? Wir rufen Matthias jetzt einfach mal an, vielleicht haben wir ja Glück und wissen dann mehr.“ Er fingerte sein Handy raus und ließ das Telefon wählen. Nach einer recht langen Weile – Fred war schon kurz davor, besorgt wieder aufzulegen – ertönte eine ihm vertraute, sehr müde klingende Stimme im Telefon. „Jaaaa?“ „Matthias, bist Du‘s? Na, wenigstens Du gehst ans Telefon.“ Eine längere Pause folgte. Alle Umstehenden schauten Fred gebannt an, auch Maria und Ahmed schielten hinterm Tresen hervor. „Mann, Du machst Sachen! Wie geht‘s Dir denn? Warte, ich schalte Dich mal auf laut, erzähl es bitte nochmal.“ „Öööh, ja. Hallo. Hier ist der Matthias. Ach, was soll ich sagen: Ich liege im Krankenhaus. Meine Rübe – tut tierisch weh! Schwere Gehirnerschütterung. Eigentlich dürfte ich gar nicht telefonieren, werde es auch kurz machen, sonst kriege ich vom Arzt auch noch eine auf den Deckel. Aber gut, dass Du anrufst, ich wollte nicht, dass Du Dir Sorgen machst.“ Er gab ein kurzes Stöhnen von sich, dann redete er weiter. „Also, Du weißt ja, als Du zum Bus gegangen bist, wollte ich noch kurz bei Dir auf die Toilette und dann zu meinem Termin in Fechenheim fahren. Du hattest es etwas eilig, weil Du Deinen Bus kriegen wolltest, hast zu mir gesagt, dass ich beim Weggehen einfach die Tür hinter mir zuziehen soll und bist losgegangen. Jedenfalls wollte ich dann zu Dir hoch auf‘s Klo und dann ...“ Es gab eine nachdenkliche Pause. „Dann bin ich mit etwas zuviel Schwung die Treppe rauf gesprintet. Und Du kennst ja diesen fiesen Absatz über Deiner Treppe. An dem hab‘ ich mir dann volles Rohr den Schädel angehauen. Meine 1,96 waren da eher kontraproduktiv. Und dann bin in einem Krankenwagen wieder aufgewacht. So war das.“
Alle schwiegen. „Hallo? Bist Du noch dran?“ „Jaja, klar, wir waren nur gerade alle etwas sprachlos.“ Wolf nahm Fred das Handy ab. „Hallo, hier is‘ de Wolf. Mer wollte schon ‘en Kommissar uff Dich aasetze. Is‘ nämlich zufällisch grad‘ einer hier am Schönplatz. Ach, Sie, wie heiße Sie eischendlisch?“
Ludwig wirkte etwas erschöpft, aber auch erleichtert. „Kriminalhauptkommissar Bernd Ludwig.“ Schweigen, diesmal am anderen Ende der Leitung. Fred fragte nach. „Hallo? Matthias? Bist Du noch da?“ „Jaja, klar. Na, den hätte ich zu gerne kennen gelernt, echt! Bestellt ihm schöne Grüße. Aber ich muss jetzt wirklich auflegen, mein Schädel brummt. Mach‘s gut, und Grüße an die anderen beiden Schönen vom Platz.“
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Wieder im Auto, lehnte sich Kommissar Ludwig weit in seinem Beifahrersitz zurück und atmete laut hörbar aus. „Na, Lisa, das war ja mal ein schnell gelöster Fall, und wir mussten noch nicht mal was machen, außer dumm rumstehen. So könnte es öfter sein, oder?“ „Ja, definitiv!“ Er hielt kurz inne, dann riss er die Augen auf. „Oh, Herrgottsakra!“ „Was?“ „Katastrophe! So ein Unglück!“ „Was ist denn? Was ist passiert?“ „Wir haben was ganz Wichtiges vergessen!“ „Was? Was?“ „Wir – wir haben die Brötchen dort liegen gelassen!“
Knapp zwanzig Minuten später standen Ludwig und Kriminalkommissar Michael Handke vor der Haustür und studierten die Klingelschilder. Es war 8:10 Uhr. In dem Haus lebte offensichtlich mehr als nur eine Wohngemeinschaft, auf jeder Klingel standen drei bis vier Namen in mehr oder weniger leserlicher Schrift. Ludwig fluchte leise.
„Ah, hier!“
Sein Kollege zeigte auf das Klingelschild oben links.
„Kiehn, Loren, Loh, Zinger.“
Zingers Name war handschriftlich mit einem Klebestreifen neben den anderen drei Namen angebracht.
„Da haben wir ihn ja.“
Ludwig drückte mehrmals auf den Klingelknopf. Nach einer für seine Ungeduld unerträglich langen Zeit knarzte ein müdes „’is’n da?“ in der Gegensprechanlage.
„Ludwig und Handke von der Polizei. Machen Sie bitte auf! Wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen.“
„Shit!“, zischte es langsam und kaum hörbar aus dem Lautsprecher, dann war das dröhnende Rasseln des Türöffners zu hören. Es knackte nochmal kurz in der Leitung, sie hörten noch ein „Ganz oben“ im Gegensprecher, da fiel die Tür auch schon schwer mit einem satten Geräusch hinter ihnen zu. Ludwig ging eiligen Schrittes die Treppen hoch, Handke folgte etwas gemächlicher nach.
Oben angekommen – die letzten zwei Treppen hatte es Ludwig nicht mehr ganz so eilig – schaute sie eine junge Frau mit verwuschelten Haaren in T-Shirt und Schlabberhose müde und gleichzeitig nervös an. Ludwig war etwas außer Puste und atmete deutlich hörbar. Sein Kopf glühte. Er schaute beim Schnaufen auf den Boden. Vor der Wohnungstür lag eine Fußmatte mit der Aufschrift „Möge die Macht mit dir sein“. Handke kam jetzt auch oben an und stellte sich neben seinen Chef.
„Was’n los?“, fragte die Frau.
Ludwig rang immer noch nach Atem, als er ihr antwortete.
„Es geht um Ihren Mitbewohner Herrn Zinger, Frau ... – wie war gleich Ihr Name?“
„Kiehn heiß’ ich, Anna Kiehn. Komm’ Se doch rein.“
Sie gingen in den mit allerlei Krempel zugestellten Flur mit altem Holzdielenfußboden, der bei jedem Schritt knarzte. An den Wänden und zum Teil sogar an der Decke hingen an jeder freien Stelle Poster, Plaketten und Sticker, alle mit dem Thema „Star Wars“. Ein nervöser kleiner Hund mit langen spitzen Ohren kam angerannt und kläffte Ludwig wild an, traute sich aber nicht näher ran als zwei Meter. „AUW, AUW, AUW“ bellte er.
„Aus, Yoda“, rief Kiehn, „Ins Körbchen du musst!“
Der Hund trollte sich in die Ecke und knurrte leise, dann rollte er sich beleidigt in seinem Korb zusammen.
„Sorry, wir krie’n hier nich’ oft Besuch, da tickt er immer etwas aus. Ey, ich war übrigens grad auf’m Weg ins Bad, stört’s Sie, wenn ich kurz ...?“
„Ja, klar, gehen Sie ruhig!“, brummelte Ludwig genervt. Zu seinem Missfallen hörte er kurz darauf die Dusche brausen.
„Das darf doch nicht ...“, fluchte er vor sich hin.
„Ich dachte, die muss nur mal schnell pieseln. Ich hatte nicht vor, den halben Tag hier zu verbringen.“
Handke zuckte nur mit den Schultern. Nach etwa einer halben Stunde kam sie wieder aus dem Bad, als wäre es das Normalste der Welt. Ludwig und sein Kollege hatten die ganze Zeit schweigend im Flur an der Wand gelehnt. Der Hauptkommissar hatte alle paar Minuten auf seine Uhr geschaut und dabei genervt durch die Zähne ausgeatmet, um dann wieder mit finsterem Gesicht in eine Art Starre zu verfallen. Lediglich sein dröhnender Kopf und seine pochenden Nebenhöhlen hielten ihn davon ab, laut zu werden. Er war heute nicht ganz er selbst. Handke war klar gewesen, dass jetzt jedes Wort eins zu viel gewesen wäre und hatte daher bewusst geschwiegen.
Anna Kiehn lächelte. Sie war jetzt frisiert und geschminkt. Außerdem trug sie normale Alltagskleidung.
„So, jetzt isses besser!“
Das sagte sie wie selbstverständlich. Ludwig war kurz vorm Explodieren, schluckte seinen Ärger aber runter, denn er wollte ja noch etwas von ihr erfahren.
„Wir geh’n am besten in die Küche. Kaffee?“
Ludwig gab ein Grummeln von sich, das Kiehn als ein Ja deutete. Der Kommissar lugte nochmal missbilligend in Yodas Ecke und setzte sich dann auf einen der Stühle in der Küche. Dieser knarrte dabei so laut, dass Ludwig erschrocken zusammenfuhr, doch der Stuhl hielt. Handke blieb an der Tür stehen und zückte ein Notizheft. Kiehn schaute derweil gelangweilt in einen der Schränke, seufzte tief und holte dann einen alten, benutzten Kaffeefilter aus dem Mülleimer, den sie nach einem kritischen Blick in die Kaffeemaschine stopfte. Sie füllte Wasser ein und startete das Gerät, dann setzte sie sich zu Ludwig. Der hatte inzwischen die Augenbrauen mehr als nur hochgezogen und beschlossen, hier lieber keinen Kaffee zu trinken.
„Können Sie mir zu Herrn Zinger irgendwas sagen?“
„Naja, der Lee is’ halt so’n Musiker, spielt in so ’ner Band und so. Genauer gesagt singt er. Außerdem kocht er noch so irgendwo so und ab und zu schraubt er so an Autos rum und so. Übrigens spricht man sein‘n Namen ‚Zinger‘ aus, mit ‚Zett‘, also deutsch, obwohl er so‘n halber Ami is‘. Da legt er Wert drauf. Wegen seiner Ahnen und so. Er hat sei‘n Nachnamen von sei‘m deutschen Papa. Wohnen tut er noch nich’ so lange hier bei uns in der WG, vielleicht so drei Monate oder so. So gut kenn ich den noch gar nich’. Der is’ eh nie da. Wieso, was is’ eigentlich mit ihm? Hatter was verbockt?“
„Wie man’s nimmt. Hat er Feinde, irgendwelche Schwierigkeiten, Geldprobleme, Streit?“
„Ey, wer hat’n keine Geldprobleme, hä? Dem geht’s kohlemäßig ganz gut, glaub‘ ich, mit sei’m Kochen und dem Geschraube und so. Und die Band hat auch ab und zu schon so’n bezahlten Gig gehabt, wenn mich nich’ alles täuscht. Kann mir nich‘ vorstellen, dass der mit jemandem Ärger hat. Is ‘n okayer Typ und so. Aber ey, was weiß man schon? Fragen Se am besten mal den Kai oder den Hanso, die häng’n ab und zu mit dem Lee so ab und so. Über Kai hat der Lee auch das Zimmer hier gekriegt.“
Die Kaffeemaschine gab jetzt gurgelnd-schmatzende Geräusche von sich. Ein bemerkenswerter Duft von alten Socken mit einem Hauch Nachttankstellen-Kaffeearoma erfüllte den Raum. Handke wurde leicht blümerant, Ludwig entging dieser Genuss aufgrund seiner verstopften Nase.
„Gut, vielen Dank. Wann und wo finde ich denn diesen ‚Kai’ und diesen ‚Hanso’?“
Kiehn trottete zur Kaffeemaschine und goss blassbraunes Gebräu in einen großen Humpen, den sie vorher unter dem kalten Wasserhahn ohne Bürste, Schwamm oder gar Spülmittel kurz ausgespült hatte.
„Der Hanso pennt noch, da können Se mal kloppen. Zweite Tür links. Der Kai is’ auf Schicht, der kommt so gegen zehn, halb elf wieder und hat dann Augenringe bis unters Kinn. He, Ihr Kaffee. Schwarz oder mit Milch?“
Ludwig beantwortete die Frage nicht und ging direkt zu besagter Tür. Anna Kiehn blieb mit ratlosem Gesicht zurück, bot den Humpen mit einer fragenden Geste Handke an, der sich aber auch eilig abgewandt hatte. Sie zuckte kurz mit den Schultern, nippte selbst an der Tasse und verzog das Gesicht.
Nachdem Ludwig dreimal kräftig gegen die Tür gewummert hatte, hörte er gemurmelte Flüche, dann ein Poltern, als ob etwas umgefallen wäre, dann lauteres Gefluche und schließlich wurde die Tür mit einem Ruck geöffnet. Yoda knurrte derweil in der Ecke. Ein kleiner, leicht untersetzter junger Mann mit strubbeligen Haaren und einer Brille mit starken runden Gläsern, gekleidet nur in einem T-Shirt und Boxer-Shorts, lugte mit kleinen Augen aus der Tür raus.
„Reinke, Kriminalkommissarin. Das ist mein Kollege Limm. Sie haben den Toten gefunden?“
Der kräftigere und größere der beiden Herren brachte sich in Positur, sein Hund stutzte und schaute Reincke neugierig an. „Wenn der mich jetzt abschleckt, dann vergesse ich mich!“, dachte sie. Doch der Hund blieb bei seinem Herrchen, wedelte mit dem Schwanz und guckte sie hechelnd an.
„Ei, Guten Tach, Frau Kommissarin. Ja, dess war isch. Diener heiß ich. Dess is mein Hund Bembel, un dess is mein Kolleesch, de Jo. Mer habbe hier unser Rund gemacht heut Morje, de Jo un isch, mit meim Hund. Und da seh isch die Sauerei da in de Bach. Gugge Se sich dess doch ema aa! Ei, so e Sauerei! Die Drecksäck, die elendische! Und als isch dann genauer gugge will, kimmt mein Bembel mit so em komische Stegge aus dem Haufe an. Er lescht‘n vor mir ab und rennt gleich widder zu dem Haufe, ohne zu wadde, dass isch‘n werf. Des war schon ungewöhnlisch, denn vom Stöcksche werfe, da krie‘t der nie genuch. Isch geh also hinnerher, un da sitzt de Bembel nebe dem Kerl, der da lischt. Isch dacht erst, der wär besoffe, aber der sah gar ned guud aus. Un wie der aagezooche is! Da habbe mer gleich die Polizei aagerufe.“
Er hielt sein Mobiltelefon hoch. Reincke nickte anerkennend, mit einem stechenden Seitenblick zu Limm, der fleißig protokollierte. Wenigstens etwas.
„Das war richtig so, vielen Dank. Dieses Stück Holz Ihres Hundes, das haben Sie aber der Spurensicherung übergeben, oder?“
Der Mann schaute betreten auf seine Schuhspitzen, dann sagte er kleinlaut:
„Hrmja, er hat dann die ganz Zeit mit gespielt, bis die Polizei kam. Der Herr da hat's ihm dann weggenomme. War abber net eifach.“
Der Mann, auf den Herr Diener gezeigt hatte, warf ihm einen sehr grimmigen Blick zu und knetete dabei seine verbundene rechte Hand.
Sie schaute wieder die beiden Herren an und wandte sich an den anderen, Kleineren.
„Haben Sie auch etwas gesehen, Herr ...“
„Kocker, Jo, äh, also eischentlisch Josef. Ne, isch war e bissi hinnerher, die zwaa habbe grad Stöckscher werfe gemacht, un die habbe eh‘ en Schritt druff wie e ganz Kompanie. Da komm isch net so gut mit. Wisse Se, die Knie ... Als isch kam, da hat de Bembel so e Stück Holz im Maul gehabt, und de Bernhard – also de Herr Diener mein isch – der hat schon ganz uffgerescht was von em Doode gebabbelt. Isch wollt ja gugge, aber er hat misch dadevon abgehalte, wesche Spurn un so. Had er ja aach recht.“
Herr Diener schwellte stolz die Brust.
Reincke nickte ihm zu. „Ja, das war sehr gut und richtig. Es hilft uns und vor allem der Spurensicherung sehr.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Herr Limm nimmt jetzt noch Ihre Namen und Kontaktdaten auf, falls wir noch Fragen haben, und wir würden uns dann gegebenenfalls nochmal melden. Haben Sie vielen Dank.“
Mit diesen Worten wandte sie sich ab und wollte gerade in Richtung der Fundstelle gehen, als Herr Diener nochmal das Wort ergriff:
„Ei, abber was is dann jetzt mit dem ganze Gerümbel hier? Mäscht dess einer weg? So e Sauerei, einfach in die Bach gekippt. Die Drecksäu! Hoffentlich is da kaa Gift drin, sonst gehe am End noch die Fisch ei. So e Schand!“
Er wollte gerade zu einer weiteren Tirade ansetzen, da zupfte sein Freund Kocker ihn am Ärmel.
„Ei Bernhard, merkste dann net, dass die Frau Kommissarin dei Gebabbel jetzt gar net mehr hörn will? Die is wesche der Leisch da, net weesche dem Gerümbl. Dess mache sischer annern.“
„Ei, abber is‘ doch wahr, guck‘s dir doch an, wie dess hier aussieht. So e Sauerei, so e elendische ...“
„Komm, halt jetzt dei Babbel un kimm. Mer geh‘n jetzt in die ‚Erholung‘ uff‘n Schobbe.“